Behinderte Menschen haben kaum Möglichkeiten, sich sozial und ökonomisch zu entwickeln. Grundlegende Lebensbereiche wie Gesundheit, Bildung und Arbeit werden ihnen aberkannt. In Indien bedeutet eine Behinderung nicht nur eine grosse Herausforderung für die Betroffenen und ihre Familien, sondern stellt auch ein enormes soziales Stigma dar.

In ländlichen Gegenden und in weniger gebildeten und benachteiligten Gesellschaftsschichten glaubt man, ein behindertes Kind sei von einem Dämon besessen, und es wird deshalb von der Gemeinschaft und manchmal sogar von den eigenen Eltern und Angehörigen ausgegrenzt. Frauen und Mädchen mit einer Behinderung sind einem hohen Missbrauchsrisiko ausgesetzt. Behinderte Kinder und Erwachsene werden oft allein gelassen und müssen für sich selber aufkommen, sie werden isoliert und als lebensuntauglich betrachtet.

Das Behindertenprojekt von Calcutta Rescue begann 2006 als Projekt für Menschen mit Lernschwierigkeiten und bot spezielle Schulungen an. Inzwischen hat sich sein Aufgabenbereich aber infolge wachsender Nachfrage erweitert und deckt heute alle Formen von Behinderungen ab. Ziel des Projektes ist es, das physische, psychische und soziale Wohlbefinden, die ökonomischen Verhältnisse und den Bildungsstand jedes Betroffenen zu verbessern, indem der Grad der Behinderung gesenkt und die funktionellen Fähigkeiten gesteigert werden.

Foto: CRK

Seit sechs Jahren bietet der Behindertensektor von Calcutta Rescue eine umfassende Palette von Dienstleistungen für Menschen mit jedweder Behinderung an, wie medizinische Versorgung, Ernährung, Bildung und Rehabilitation. Um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern, werden Hilfsmittel wie Rollstühle, Dreiräder, Geh- oder Hörhilfen zur Verfügung gestellt; zum Angebot gehören ferner Grundschulbildung oder spezifische Schulungen, Sprechtherapie, psychologische Beratung, Physiotherapie und Ergotherapie. In speziellen Fällen werden Betroffene auch in ein Spital überwiesen.

Da Calcutta Rescue selber keine Spezialschule führt, werden Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 4 bis 22 Jahren mit den unterschiedlichsten Behinderungen an verschiedene öffentliche Schulen und spezialisierte nicht-staatliche Schulen vermittelt, sei dies in diversen Stadtteilen von Kolkata als auch in den ländlichen Gebieten von Westbengalen. Die Programme umfassen Grundschulbildung, Berufsbildung wie auch spezielle rehabilitierende Schulungen. Mitarbeitende des Behindertensektors führen in den Schulen regelmässig Supervisionen durch. Calcutta Rescue übernimmt ferner die Schulgebühren und die Kosten für Transport, Schuluniformen, Schuhe, Schultaschen, Schreibmaterial usw.

Mit Unterstützung von Calcutta Rescue besucht zum Beispiel die siebenjährige Nikhat Parveen, die mit einer 50%igen geistigen Behinderung geboren wurde, die Spezialschule Amritayan. Als die kleine Nikhat in die Talapark-Schule von Calcutta Rescue kam, stellte der Schulleiter eine Entwicklungsverzögerung, eine verminderte motorische Koordination, Schüchternheit und Ängstlichkeit bei ihr fest. Es war sehr schwierig, eine soziale Beziehung mit ihr aufzubauen, weil sie so scheu und ängstlich war. Nikhat war nicht in der Lage, dem Unterricht in der Klasse zu folgen, und zeigte kein Interesse am Schreiben oder an Gruppenaktivitäten. Doch jetzt liebt sie ihre neue Schule.

Physiotherapie und Sprechtherapie sind weitere Angebote des Behindertensektors von Calcutta Rescue. In der Physiotherapie werden 59 Patientinnen und Patienten behandelt. Deren Behinderungen sind auf unterschiedliche Störungen des Nervensystems zurückzuführen wie zerebrale Lähmung, Wilson-Krankheit (Kupferspeicher-Krankheit), Krampfleiden, verzögerte motorische Entwicklung, Gleichgewichtsstörungen oder Koordinationsschwierigkeiten. Der Sprechtherapeut arbeitet mit Kranken, welche eine Redeflussstörung oder neurologisch bedingte Probleme mit der Stimme haben. Einige Patientinnen und Patienten schliesslich stottern oder haben andere Schwierigkeiten mit der Aussprache.

Die 23-jährige Pinki kam mit einer 90%igen geistigen Behinderung auf die Welt. Ihre Mutter sagt: «Wir haben viel Schweres durchgemacht. Wir verkauften unser Haus, damit Pinki behandelt werden konnte, und hofften, es gehe ihr bald besser. Doch mittlerweile haben wir akzeptiert, dass Pinki jemand Besonderes ist. Aus diesem Grund ist sie unser einziges Kind geblieben. Es gab Zeiten, da waren wir obdachlos. Während Monaten konnten wir uns kein Frühstück und kein Mittagessen leisten; es gab nur ein Abendessen, damit wenigstens Pinki dreimal täglich essen konnte.» Pinki kommt regelmässig zur Sprechtherapie in die Klinik von Calcutta Rescue und seit fünf Jahren erhält sie auch Medikamente. Die Krankheit konnte etwas eingedämmt werden und das Sprechen und der Gang verbesserten sich. Das Team versucht alles, damit die Behinderung ihrem kämpferischen Geist nicht allzu sehr in die Quere kommt.

Sharmita Mitra, die Leiterin des Behindertenprojekts erklärt: «Wir feiern auch den Weltbehindertentag, damit die Behinderten ihren Wert spüren und sich als etwas Besonders fühlen können. Seit mehr als sechs Jahren versuchen wir unser Bestes, um unseren Behinderten zu helfen und ihnen die Chance zu geben, ein besseres Leben zu leben. Wir beraten regelmässig Eltern und Familienmitglieder, damit sie ihre Kinder nicht schlecht behandeln und vernachlässigen. Medikamente können die Behinderungen eindämmen, aber was diese Menschen vor allem brauchen, ist Liebe, Fürsorge und Respekt.»

In Entwicklungsländern sind Behinderte nicht nur die am stärksten benachteiligten Menschen, sondern auch diejenigen, die am meisten  vernachlässigt werden. Menschen mit einer Behinderung zeigen die gleiche Begeisterung und Wertschätzung für das Leben wie wir alle. Sie können und wollen in allen Lebensbereichen teilhaben. Doch leider werden Menschen mit einer Behinderung ausgegrenzt, angezweifelt und beschimpft. Doch eine Behinderung ist einfach eine andere Art des Krankseins und mit Betreuung und medikamentöser Behandlung können die Betroffenen äusserst produktive Mitglieder der Gesellschaft sein.

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