Essen als Teil des Schulangebotes

Sean Duggan ist langjähriges Mitglied der englischen Unterstützungsgruppe von Calcutta Rescue und Journalist. Er besucht die Projekte von Calcutta Rescue regelmässig. Er schreibt eine Serie von bewegenden Geschichten unter dem Stichwort „Mein Zeugnis“ („I witness“). Hier berichtet er von der Schule Nr. 10.

Wenn Sie einen Morgen in der Schule Nr. 10 von Calcutta Rescue verbringen würden, schlussfolgerten Sie mit Sicherheit, dass der wichtigste Punkt auf dem Stundenplan das Essen ist. Und damit hätten Sie Recht.

Die Kinder in der Schule Nr. 10 erhalten zum Mittagessen einen Teller mit Dal, Reis und Eiern.
Essen ist ein wichtiger Teil auf dem Stundenplan. Foto: © Jacob Roos – Im Einsatz für Calcutta Rescue

Kaum zu glauben, aber jeden Werktag zwischen 10 und 13 Uhr nehmen etwa 330 Kinder und Jugendliche im überdachten zentralen Innenhof des Schulgebäudes auf einer Fläche von bloss rund 20 Quadratmetern eine nahrhafte warme Mahlzeit ein. Untergewichtige Schülerinnen und Schüler erhalten zusätzlich Nahrungssupplemente und Butterbiscuits. Denn ohne genügend Energie und Nährstoffe haben die Kinder keine Chance, das Beste aus dem Unterricht in Bengali, Hindi, Englisch, Mathematik, Naturwissenschaften und aus den Computerkursen zu ziehen.

Ernährung ist hier also eine ernstzunehmende Angelegenheit. Man braucht nur in die Gesichter der 35 Kinder zu schauen, die auf Plastikhockern sitzen und aus grossen, glänzenden Metalltellern essen. Sie sitzen schweigend und ganz konzentriert darauf, mit ihren kleinen Händen Reis, Dal (Linsengericht) und Gemüse in ihre Münder zu stopfen. Wenn die Teller leer sind, macht eine der Köchinnen die Runde und schöpft nach. Zwei grosse Kochtöpfe stehen dafür in der Ecke bereit.

Die Kinder essen alles auf, lecken am Ende ihre Hände ab und schlürfen die restliche Sauce aus den Tellern. Es wird kaum ein Reiskorn vergeudet. Für viele ist die Verpflegung in der Schule Nr. 10 die einzige richtige Mahlzeit pro Tag. Sobald eine Gruppe das fertig gegessen hat, sind die Stühle gestapelt, der Boden gefegt und die Hocker für die nächsten Kinder zurückgestellt. Dies dauert jeweils kaum fünf Minuten. Die Verpflegung in der Schule Nr. 10 ist eine äusserst effiziente Sache – muss es auch sein.

Viele Schüler auf wenig Platz

Obgleich das Schulgebäude über drei Stockwerke verfügt, ist der Platz begrenzt und die Räume sind sehr klein. Die einzigen etwas grosszügigeren Bereiche sind der Innenhof, der fast die ganze Zeit zur Essenszubereitung und als Speiseraum genutzt wird, und die Dachterrasse. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in der Schule Nr. 10 ein- und ausgehen, ist gross. Mehr als 400 Schülerinnen und Schüler besuchen zwar eine öffentliche Schule, erhalten aber bei Calcutta Rescue zusätzlichen Unterricht, Unterstützung bei den Hausaufgaben und die erwähnte Verpflegung. Etwa 60 vier- bis fünfjährige Kinder erhalten von den Lehrpersonen von Calcutta Rescue eine Vorbereitung um in eine staatliche Schule einzutreten.

Es geht geschäftig zu und her in der Schule Nr. 10. Gruppen von Schülerinnen und Schülern treten ein, andere brechen wieder auf, sie essen, lernen und besuchen die Krankenstation. Dort werden sie regelmässig untersucht, bei Bedarf geimpft und behandelt, wenn sie erkrankt sind. Kein Wunder ist bei dem Betrieb die grüne Farbe am Treppengeländer und an den Wänden abgeblättert. Wenn Sie durch eine der Klassenzimmertüren spähen könnten, sähen Sie die Kinder mit geöffneten Arbeitsheften auf dem Boden sitzen und aufmerksam ihrer Lehrperson zuhören.

Ein Blick in ein Klassenzimmer der Schule Nr. 10 zeigt die Schüler mit aufgeklappten Arbeitsheften und konzentriert bei der Arbeit.
Ein Blick in die Klassenzimmern zeigt die Schüler konzentriert bei der Arbeit. Foto: © Jacob Roos – Im Einsatz für Calcutta Rescue

Tanz, Theater und Informatik

Zusätzlich zu den üblichen Fächern können die Schulkinder auch Mal- und Tanzunterricht oder Theaterkurse besuchen. Im Computerraum erhalten alle eine Informatiklektion pro Woche. Der Lehrer besitzt einen Masterabschluss in Informatik und es gibt einen besonderen Grund, weshalb er so begeistert seine Aufgabe wahrnimmt. Er war hier selber vor wenigen Jahren Schüler und ist ein leuchtendes Beispiel für die neue Generation wissbegieriger Schulkinder von Calcutta Rescue.

Eine Lehrerin hilft einem Bub mit seiner Uniform.
Die Uniform der Kinder wird von Calcutta Rescue bezahlt. Foto: CRK

Die Kinder sehen flott aus in ihren verschiedenen Schuluniformen und könnten höflicher nicht sein. Man glaubt kaum, dass sie alle in Elendsvierteln leben, wo sich oft die ganze Familie ein einziges Zimmer teilt. Calcutta Rescue finanziert die Uniformen wie auch die Schuhe, die Schulbücher und weiteres Material von Calcutta Rescue.
Noch grösser als das Lächeln auf den Gesichtern der Schulkinder sind ihre mit Büchern vollgestopften Rucksäcke, wenn sie nach mehreren Stunden hier in der Schule von Calcutta Rescue dem Ausgang zustreben. Ihre Körper sind genährt und ihr Geist ist gefördert worden; nun sind sie bereit, ein Maximum aus dem Unterricht in der öffentlichen Schule zu holen und sich den Anforderungen zu stellen, welche der Tag noch bringen wird.

Weitere Berichte von Sean Duggan

Back to Top