Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat es inzwischen geschafft, die Infektionskrankheit Lepra drastisch zu reduzieren. In Indien werden aber immer noch die Hälfte aller weltweiten Lepra-Neuerkrankungen gezählt. Hier werden die Erkrankten zu sozial wie medizinisch Ausgestossenen. Nach wie vor ist es enorm wichtig, diese so stark missverstandene Krankheit weiter und unermüdlich zu bekämpfen.

Die Behandlungsmöglichkeiten für Leprakranke haben sich stetig verbessert und es gibt eine sehr effektive Therapie, eine Kombinationstherapie aus mehreren Medikamenten (Multidrug Therapy, MDT), die beinahe jeden heilt. Seit 1995 ist diese Medikamententherapie dank der WHO in ganz Indien kostenfrei zu bekommen. Das Ergebnis ist, dass die Anzahl der Neuerkrankungen im Land drastisch zurückgegangen ist: Waren es 1993 ungefähr 456’000 Fälle, so wurden 2009 nur noch 130´000 Fälle geschätzt.

Die Anstrengungen der WHO haben bewirkt, dass es in 119 von 122 Ländern keine Lepra mehr gibt. Aber gerade in Indien werden über die Hälfte der jährlichen Lepra-Neuerkrankungen gezählt. Tausende Betroffene wissen nicht, dass es eine Behandlung gibt oder wo sie eine solche bekommen können. Aus Unwissenheit, Angst und Scham verstecken sie ihre Krankheit zu lange – bis es zu spät ist und die Lepra offensichtlich und irreparabel geworden ist.

Die Krankheit wird durch das Leprabakterium verursacht. Erste Anzeichen der Lepra sind helle Flecken auf der Haut. Da sich die Bakterien im Bereich der oberflächlichen Nerven unter der Haut vermehren und diese zerstören, kommt es mit der Zeit zu einem Sensibilitätsverlust an den Hautflecken sowie zu Schwächung der Muskeln. Betroffen sind vor allem Arme und Hände, Beine und Füsse sowie das Gesicht. Durch den Verlust der Schmerz- und Hitzeempfindung werden kleine Verletzungen, zum Beispiel beim Barfussgehen, oder Verbrennungen beim Kochen nicht mehr bemerkt. Durch die Schwächung von gewissen Muskeln werden deren Gegenspieler-Muskeln stärker, was zu Deformierungen zum Beispiel der Finger führen kann. Hände und Finger werden so zu unbrauchbaren Krallen. Durch Austrocknung der Augenoberfläche und Schädigung der Hornhaut kann es auch zu Erblindung kommen. Dieses Bild der Lepra zeigt sich noch heute und macht die Erkrankten zu sozialen Aussenseitern, zu Geächteten.

Doch dies muss heute nicht mehr die Realität für einen Leprakranken sein. Ein Beispiel dafür ist die 16-jährige Radha. Sie ist Leprapatientin der Chitpur-Klinik von Calcutta Rescue in Kolkata und keiner sieht es ihr an. Radha repräsentiert die Zukunft der Lepra. Sie erhielt früh eine adäquate Behandlung. Alles, was man an ihr von der Lepra sieht, ist ein kleiner, vernarbter Fleck auf ihrem Oberschenkel, wo die Läsionen der beginnenden Lepra einmal gewesen waren. Der dramatische Vergleich zwischen der jungen, schönen Radha und den älteren, entstellten Leprapatienten der Klinik zeigt die Fortschritte, die in den letzten Jahren gemacht wurden.

Wenn sich diese Erfolge fortsetzen, ist es möglich, dass die heutige Generation der indischen Bevölkerung die letzte ist, die medizinisch und emotional unter dieser Geissel zu leiden hat. Dann wird eine Klinik wie Chitpur in einem der Armenviertel von Kolkata nicht mehr nötig sein. Die Klinik müsste nicht mehr für die entstellten und ausgestossenen Menschen einen sicheren Platz bieten, einen Platz, an dem sie medizinische und soziale Unterstützung bekommen, einen Platz, an dem sich diese Menschen wieder als Teil einer sozialen Einheit fühlen können, auch wenn es die Einheit von Ausgestossenen ist.

Die schöne Lage der Chitpur-Klinik am Ufer des Flusses Hooghly, der erholsame Schatten des Klinikdaches, die Freundlichkeit der Angestellten und das gute Einvernehmen der Kranken untereinander stehen in krassem Gegensatz zu den körperlichen Entstellungen und den bewegenden und schmerzhaften Lebensgeschichten, die hier immer wieder erzählt werden. Durch die Kraft der Information und der Nächstenliebe kann die heutige Generation die Notwendigkeit der Chitpur-Klinik Geschichte werden lassen.

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