Ich schaue mit einem weinenden und einem lachenden Auge auf meine Zeit in Kolkata zurück. Mein Freiwilligen-Einsatz als Schulsozialarbeiterin bei Calcutta Rescue wurde wegen des Ausbruchs des Covid-19 überstürzt ein halbes Jahr eher beendet. Die Umstände rund um Covid-19 erlaubten uns Freiwilligen nicht mehr, in Indien zu bleiben.

Léa berichtet in einem zweiten Text, wie ihre Arbeit besonders während der Pandemie direkt auf die Probe gestellt wird. Und wie sie und Suchandra besonders froh sind, dass sie den Kindern im Vorfeld wichtige Informationen vor dem Ausbruch der Pandemie mitgeben konnten.

Die letzten Wochen in Kolkata waren geprägt von Ungewissheit und Unruhe. Niemand wusste wirklich, wie sich diese Krise entwickeln würde. Als die Entscheidung fiel, dass wir alle nach Hause reisen müssen, waren wir einerseits froh um die Klarheit, aber anderseits natürlich enttäuscht.

Ich hatte Kolkata schon längst als weiteres Zuhause in mein Herz geschlossen. Das tägliche Pendeln mit der Metro zwischen dem südlichen Teil der Stadt, wo meine kleine Wohnung lag, und dem nördlichen Teil Kolkatas, wo die Projekte von Calcutta Rescue lokalisiert sind, wurde für mich ein Ritual.

Grosse Sorgen um alle Kinder und Jugendliche, welche wegen des Lockdowns plötzlich mit ihren grossen Familien zusammengepfercht auf kleinstem Raum verweilen mussten, machte sich in mir breit. Die weit propagierte Schutzmassnahme „Social-Distancing“ kam mir in diesem Kontext lächerlich vor.

Auch kreisten meine Gedanken um die verschiedenen Projekte, welche ich schon initiiert, begleitet oder erst geplant hatte. Durch Covid-19 kam alles zum Stillstand.

Léa und Suchandra mit Schulkindern der Schule Nr.10. Nach einem Workshop zur Bewusstseinssteigerung von Safe and Unsafe Touches. Foto: CRK

Als ich ein halbes Jahr zuvor mit meinem Rucksack aus dem Zug ausstieg und ich in der überfüllten Halle des riesigen Bahnhofs Howrah stand, sprudelte das Glücksgefühl aus mir heraus, ich fühlte mich am richtigen Ort zu richtigen Zeit. Nichts wies auf eine aufkommende Krise hin.  Kolkata nannte ich damals schon als meinen Glücksort, da ich jährlich meine lieben Bekannten dort besuchte. Die Stadt symbolisiert für mich den Inbegriff von Leben mit allen dazugehörenden Höhen und Tiefen.

Ich plante, als Schulsozialarbeiterin bei Calcutta Rescue für ein Jahr einen Freiwilligen-Einsatz zu leisten. Und war total motiviert.

Ich unterstützte die einheimische Sozialarbeiterin und Psychologin Suchandra bei ihrer Arbeit in den zwei Schulen von Calcutta Rescue. Jeweils am Donnerstagmorgen trafen wir uns in einer der beiden Schulen, um die nächste Schulwoche zu planen. Da ich in der Schweiz über einen Pädagogikabschluss verfüge, übernahm ich die Planung der Aufklärungs-Unterrichtsreihen. Wir wollten durch altersgerechte Workshops so viele Kinder und Jugendliche erreichen wie möglich. Ich schrieb verschiedene Unterrichtsreihen zu den Themen: Safe and unsafe Touch, häusliche Gewalt, psychische und physische Gesundheit und Verhütungsmittel. Mir war es wichtig, dass die Studenten durch vielfältige Methoden, wie beispielsweise Rollenspiele, Interviews und soziales Lernen, motiviert lernen können.

Leider konnte ich nur die Lektionen mit den ältesten Studenten selbst durchführen, weil die jüngeren Kinder noch nicht genügend Englisch sprachen. Am Anfang brauchte es von allen Seiten etwas Mut über die sensiblen und persönlichen Themen zu sprechen. Ich merkte schnell, dass in der indischen Kultur weniger offen über die Pubertät und die verbundenen körperlichen Veränderungen gesprochen wird. Überrascht stellte ich auch fest, dass die wenigsten Studenten und Studentinnen die Namen und Funktionen ihrer Geschlechtsorgane kannten. Suchandra konnte zum Glück hier die Brücke schlagen und die Jugendlichen vorsichtig und doch bestimmt darüber aufklären.

Léa bei einer Exkursion mit den älteren Jugendlichen von CR – Foto: CRK

Neben dem Schreiben der Unterrichtseinheiten und deren Durchführung, plante ich mit den Schulverantwortlichen die ersten Elternräte, um ein weiteres partizipatives Gefäss in der Organisation zu integrieren. Leider konnte ich an den ersten Ratssitzungen nicht teilnehmen, weil ich in dieser Zeit schon wieder in Zürich war. Suchandra berichtete mir, dass die ausgewählten Elterndelegierten positiv auf ihre neue Rolle reagierten. Ich bin neugierig, wie sich dieses Projekt nun ohne mich weiterentwickelt.

Während meines Einsatzes hatte ich das Glück, als Repräsentantin von Calcutta Rescue an zwei Konferenzen teilzunehmen. Dort wurde über rechtliche und praktische Schritte für die Einhaltung der Rechte der Mädchen diskutiert. Ich lernte viel über das indische Sozialsystem und die rechtlichen Grundlagen.

Im Rahmen des „Elimination of Violence against Women – Day“ (der Tag zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen)  organisierten Suchandra und ich in der Talapark-Klinik eine Veranstaltung. Wir luden Mütter, Mitarbeiterinnen und Patientinnen ein, um an diesem besonderen  Tag verschiedene Vorträge zum Thema „Häusliche Gewalt“ zu hören und dann gemeinsam mit viel Chai-Tee eine schöne Zeit zu verbringen.

Dieses Event habe ich als sehr berührend in Erinnerung.

Léa gib einen Input über die Situation der Frauen in der Schweiz. „Elimination of Violence against Women – Day“- Foto: CRK

Wenn man sich für einen Einsatz bei Calcutta Rescue entscheidet, muss man sich bewusst sein, dass man in ein schon „gut“ funktionierendes System eintritt. Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten,  geeignete Projekte zu finden. Nach mehrwöchigem Beobachten, kristallisierten sich mögliche Themen heraus. Eine grosse Portion an Selbständigkeit, Selbstinitiative und auch Selbstvertrauen sind gefragt, denn die lokalen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind zwar sehr hilfsbereit, aber man muss sich selbst gut zu helfen wissen.

Neben meiner Arbeit hatte ich an den Wochenenden und in den Ferien genügend Gelegenheiten, um die Gegend rund um Kolkata zu entdecken. Unsere Freiwilligen-Gruppe war sehr aktiv und unternehmungslustig. Der Austausch mit ihnen half mir immer wieder meine Arbeit und auch meine Erfahrungen zu reflektieren. Ich hatte das Glück, sowohl mit Expats, wie auch mit Einheimischen, Freundschaften zu schliessen. Mit vielen von ihnen bin ich noch im Kontakt.

Holi-Fest 2020 zusammen mit den anderen Freiwilligen. Foto: Léa C.

Nun bin ich wieder Zuhause in Zürich, die Bilder von Kolkata in meinem Kopf verblassen schon ein wenig. Vermissen tue ich die Stadt immer noch wie am ersten Tag meiner Rückkehr.

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