Die 62-jährige Gabriela Meier aus der Schweiz arbeitete von November 2014 bis März 2015 als Volontärin in den Schulen und im Behinderten-Programm von Calcutta Rescue. Diese Freiwilligenarbeit war eine logische Konsequenz ihres bisherigen Arbeitslebens. Sie sagt: „Ich habe immer, aber in unterschiedlichen Aufgabenbereichen, mit Menschen gearbeitet, die letzten 12 Jahre mit Menschen mit körperlicher und/oder psychischer Behinderung. Der Wunsch, diese Arbeit in einer sehr viel einfacheren Umgebung zu machen, wurde immer stärker. Mit diesen „besonderen Menschen” oder „otherwise talented people” („anders begabten Menschen“), wie sie in Indien auch genannt werden, zu arbeiten, bereitete mir am meisten Freude. Diese Menschen haben einen besonderen Platz in meinem Herzen.“

Gabriela mit Jayati in der Talapark School. Foto: CRK

Ein Freund, welcher Dr. Jack Preger, den Begründer von Calcutta Rescue, kennt, erzählte Gabriela von dieser Organisation. Im März 2014 reiste sie nach Kolkata und besuchte die verschiedenen Projekte von Calcutta Rescue. Die Organisation arbeitet seit sechs Jahren mit Menschen mit Behinderung. Sie bietet ihnen medizinische Betreuung, Sprachtherapie, Zeichnen/Malen und Tanzen an. Einige Kinder besuchen Sonderschulen und ab Mai 2015 ist eine eigene Sonderschule im Aufbau. Alle andern besuchen ein- bis zweimal im Monat die Talapark-Klinik für spezifische Therapien. Nachdem sich Gabriela mit Dr. Jack über Einsatzmöglichkeiten für sie besprochen hatte, beschloss sie, Ende 2014 als Volontärin nach Kolkata zugehen.

Viel gelehrt. Unendlich viel gelernt.

Gabriela wurde vom Team herzlich empfangen und übernahm schliesslich vielfältige Tätigkeiten. Ihr Stundenplan füllte sich mit Englischunterricht für die 4- bis 5-jährigen Schulkinder, Italienisch- und Deutschlektionen für die Lehrpersonen bzw. für die Mitarbeitenden des Handwerkszentrums, Beratung bei Problemen mit Schulkindern, Tanzlektionen und Assistenz in der Sprachtherapie. Als ehemalige Lehrerin hatte sie viel mit den Schulen, aber wenig mit Menschen mit Behinderung zu tun. Sie sagt: „Sehr beeindruckt hat mich die Freude der Kinder und der Erwachsenen am Lernen und ihre Neugierde bezüglich anderer Kulturen. Gelernt wurde immer in Gruppen. Wie viele Scherze und Lachen begleiteten diese Stunden!“ Für den Jahrestag der Schule übte Gabriela mit Kindern verschiedenen Alters Reime, Tänze und die Geschichte von Pinocchio als Theater ein. Sie erinnert sich: „Die Spannung bei Auftretenden und Verantwortlichen war gross, die Stimmung bei den Zuschauern umwerfend. So viel Spass und Feuer bei all den Kindern und auch den Erwachsenen, von denen die meisten unter für uns unvorstellbaren Lebensumständen leben!“

Gabriela ist von der Arbeit von Calcutta Rescue sehr beeindruckt: „Täglich konnte ich erleben, wie motiviert, klar und engagiert unterrichtet und therapiert wird. Auch ich selber bekam immer Hilfe, wenn ich sie brauchte, sei es vom Personal von Calcutta Rescue, von den anderen Freiwilligen oder vom Büro unseres Vermieters.“

Gabriela with students School Annual Day
Gabriela mit Schüler am Jahresabschlussfest. Foto: CRK

Zum Ende ihres Aufenthaltes gingen Gabriela verschiedene Fragen durch den Kopf. So fragt sie unter anderem: „Wir freiwilligen Helferinnen und Helfer bei Calcutta Rescue sind aufgefordert zu beobachten, kontrollieren, verbessern. Und alle paar Monate kommen wieder neue Freiwillige mit neuen Ideen. Wie ist das für die Mitarbeitenden von Calcutta Rescue, welche Tag für Monat für Jahr mit Krebskranken, Tuberkulosepatientinnen und Leprapatienten arbeiten? Fühlen sie sich genügend geachtet durch uns Fremde? Wie schaffen wir eine Basis von gegenseitigem Respekt, auf dessen Grundlage Verbesserungen zum Wohle der bedürftigen Menschen vorgenommen werden können?“

Gabriela hat auch eine ganz persönliche Frage: „Habe ich meinen „inneren“ Auftrag – das Leben von Menschen mit Behinderung zu erleichtern – erfüllt? Nein, das habe ich nicht. Die Frage nach dem Leben von Menschen mit Behinderung und ihren Familien unter schwierigen Lebensumständen beschäftigt mich nach wie vor. So stellt sich für mich eine der Lebensfragen: Hätte ich meinem Aufenthalt in Kolkata irgendwann aktiv eine andere Richtung geben sollen, oder ist dies eine der Lebenssituationen, in denenes gilt, ja zu sagen zum Fluss des Lebens, so wie er sich seinen Weg gesucht hat?“ Mit dieser Frage ist Gabriela nach Hause zurückgekehrt.

Wer weiss, vielleicht ergibt sich für sie in der Zukunft eine Möglichkeit, sich mehr in den Dienst der „besonderen Menschen“ zu stellen.

Weitere Berichte von ehemaligen Freiwilligen

Back to Top