Thomas Schmid – mein Engagement als Apotheker in Indien bei Calcutta Rescue

Ein halbes Jahr von mir für Calcutta Rescue und ein halbes Jahr von den Menschen in Kolkata für mich – mein Engagement als Apotheker in Indien bei Calcutta Rescue

Thomas Schmid, Apotheker aus der Schweiz, hat sechs Monate bei Calcutta Rescue gearbeitet. Hier seine Gedanken zu seinem Freiwilligeneinsatz in Kolkata: „Ich war mit schweizerischer Leistungsmentalität nach Kolkata gekommen, merkte aber schnell, wie wichtig es ist, zuerst die Menschen kennenzulernen, mit denen ich zusammenarbeiten würde und welchen ich helfen wollte. Aus westlicher Sicht erscheint es vielleicht nicht so effizient, zuerst etwas Zeit mit Kennenlernen und Teetrinken verstreichen zu lassen. Aber auch wir möchten uns doch nur von jemandem helfen lassen, der sich mit unserer Kultur auseinandersetzt und dem wir vertrauen.

Jeder Mensch hat seinen Stolz und seine Würde; so fällt man nicht gleich jedem Fremden um Hilfe flehend um den Hals, wenn es einem schlecht geht. Wenn man aber den anderen etwas kennt und versteht, wie er einem helfen kann, ist man bereit, sich auf ihn einzulassen und seine Hilfe anzunehmen.

Einer meiner Arbeitsorte war die Apotheke von Calcutta Rescue, wo die Medikamente beschafft und gelagert werden. Hier stellten die lokalen Mitarbeitenden und ich täglich die Medikamentenlieferungen für die verschiedenen Kliniken und die Strassenmedizin-Ambulanzen bereit. Unter anderem nahmen wir auch eine Re-Evaluation der Medikamentenzulieferer nach Kosten und Qualität vor. In der Talapark-Klinik halfen wir mit, die Medikamente gemäss den ärztlichen Verordnungen für jeden einzelnen Patienten zu portionieren und zu beschriften und die so bereitgestellten Medikamentenbeutel zu kontrollieren. Die Menschen hier in Kolkata leiden meist an den gleichen Krankheiten wie in Europa und die medikamentöse Behandlung ist die gleiche wie bei uns; deshalb war es für mich verhältnismässig einfach mitzuarbeiten. Infektionskrankheiten, offene Wunden oder Atemwegserkrankungen sind aber beispielsweise häufiger als in Europa.
Je besser ich eingearbeitet und mit den Prozessen vertraut war, desto mehr begann ich zu erkennen, mit welchen eigenen Ideen ich Calcutta Rescue unterstützen kann. So haben wir eine Patientenbefragung durchgeführt. Zusammen mit einem pensionierten Inder als Übersetzer interviewten wir Patientinnen und Patienten in der Talapark-Klinik, um herauszufinden, wie gut sie die Erläuterungen bei der Medikamentenabgabe verstanden hatten und die Anwendung ihrer Medikamente kannten und ob wir unsere Erklärungen verbessern müssen. Anfang 2017 startete das zweite Strassenmedizin-Programm mit einer zusätzlichen Ambulanz. Für die neuen indischen Mitarbeitenden führten wir Medikamentenschulungen durch, die Lernmotivation war extrem gross.

Als ich das Gefühl hatte, wirklich zu verstehen, wie es bei Calcutta Rescue läuft, und am meisten Ideen hatte, woran ich längerfristig arbeiten könnte, wurde mir auch klar, dass mein halbes Jahr in Indien leider bald zu Ende ist. Während meiner Zeit in Indien habe ich auch erkannt, welch enorme Herausforderung es ist, mittellosen und sozial benachteiligten Menschen langfristig medizinische Hilfe zu leisten und die Schulbildung und Entwicklung der Kinder zu fördern. Es gibt zum Beispiel sprachliche und kulturelle Barrieren, die Infrastruktur ist viel schlechter und es braucht viel Zeit, die Lebensumstände zu verändern.

Eine ausserordentliche Persönlichkeit ist natürlich Dr. Jack; vor Jahren war er bereit, sein Leben in England hinter sich zu lassen und es den Menschen in Indien zu widmen! Es ist auch beeindruckend, wie die lokalen indischen Mitarbeitenden von Calcutta Rescue jeden Tag mit Herzblut arbeiten und für Nachhaltigkeit sorgen. Für mich war es unglaublich berührend, diese intensive Fülle an menschlichen Begegnungen und emotionalen Eindrücken in Indien zu erleben, und es ist das, was ich von Kolkata nach Hause nehme! Ich vermisse die Freundschaften mit den indischen Menschen und die Kameradschaft mit den fünf anderen Freiwilligen aus Europa, welche gleichzeitig mit mir einen Einsatz leitsteten. Ich finde es auch toll, wie Calcutta Rescue Jahr für Jahr dank der Grosszügigkeit vieler Spenderinnen und Spender und des Goodwills vieler engagierter Personen weiterläuft und lebt!“