Schulalltag

Abwechslung für Eltern und Kinder am Children’s Day

group photo of cr students

Viel Freude hält er nicht bereit, Nandals Alltag in seiner Familie nahe am Ufer des Hoogly. Seine beiden kleinen Schwestern und die drei Brüder teilen sich mit den Eltern einen kleinen verfallenen Schuppen am Bahndamm der Circular Railway Kolkata. Die Woche über besucht er die School No. 1 von Calcutta Rescue, etwa 20 Minuten  Fußweg entfernt.

Nandal ist eines von über 60 Kindern zwischen 5 und 7 Jahren, die sich dort als „non-formal students“ auf den Besuch einer sogenannten Government School vorbereiten. Das dauert etwa ein Jahr und bedeutet täglichen Unterricht in Bengali, Englisch, Rechnen und weiteren Fächern. Dazu bekommt er Schulkleidung, täglich ein warmes Mittagessen und wird regelmäßig ärztlich untersucht. Nandal lernt auch, was für den kommenden Besuch der Government School gefordert ist: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und diszipliniertes Verhalten.

Da ist der Children’s Day eine willkommene Abwechslung: An einem Samstag im November ist die ganze School No. 1 vom Erdgeschoss bis in die dritte Etage mit Girlanden, Blumen und Spruchbänden geschmückt: „Welcome to Children’s Day“. Alle Kinder tragen die beste und farbenfroheste Kleidung die sie finden konnten – ihre Lehrerinnen und Lehrer ebenso.

Fazad, der Musiklehrer, hat seine Gitarre mitgebracht. Im grössten Raum der zweiten Etage spielt er bekannte bengalische Volkslieder. Alle Kinder kennen die Texte auswendig und singen teils leise, teils lautstark mit. Die Stimmung wird immer fröhlicher, fast ausgelassen. Ganz oben auf der Dachterrasse verteilen zwei Lehrerinnen kleine Geschenke und Süssigkeiten – sie stammen von einer anderen NGO, deren Mitarbeiter jedes einzelne sorgfältig in buntes Geschenkpapier gepackt haben.

Auch ein paar Eltern sind gekommen, haben sich für eine Stunde oder zwei von ihrer Arbeit als Straßenköche, Lumpenverkäufer, Rikschafahrer oder Wäscherinnen freigemacht, feiern und singen mit. Nachbarkinder kommen hinzu, das alte Schulgebäude ist mit Musik, Lachen, Hindi und Bengali gefüllt.

Children’s Day – einmal im Jahr feiert ganz Indien diesen Tag. Gegen Nachmittag gehen die Kinder nach Hause, die Eltern wieder auf ihre Arbeit, Lehrerinnen und Lehrer an ihre Schreibtische, um den Unterricht der kommenden Woche zu planen: Bengali, Englisch, Rechnen und die weiteren Fächer. Nandal streift Hand in Hand mit zwei Freunden noch durch die schmalen Gassen von Kumartuli und macht einen langen Umweg, bevor er wieder die Gleise der Circular Railway zu seinem Zuhause überquert …

Nandal hat auch schon gelernt pünktlich zu sein: Am Montag kurz vor neun betritt er mit vielen anderen die School No. 1, erwidert das Lächeln des Hausmeisters am Eingang und trifft seine Mitschüler in der zweiten Etage zum Bengali-Unterricht.
Wolfgang Köhler – Erfahrungsbericht