Karin berichtet aus Kolkata

Karin Bettschen, Pflegefachfrau aus der Schweiz, arbeitete während zwei Monaten als Volontärin bei Calcutta Rescue in Kolkata. Ihre Eindrücke beschreibt sie wie folgt:

Es war wohl etwas „überheblich“ von mir zu denken, dass ich mich mit meinen Erfahrungen, die ich während meinen verschiedenen Indienreisen sammeln konnte, rasch ans Arbeitsleben von Calcutta Rescue gewöhnen kann. Es ist a l l e s anders in Indien und in Kolkata, wenn man hier arbeitet. Insbesondere wenn es sich um die Arbeit bei einer Organisation handelt, die schulische und medizinische Hilfe (und ich meine hier wirklich Hilfe!) für benachteiligte Menschen anbietet. Ich bin durch meine Arbeit in Bereiche eingetaucht, die mich überwältigen, immer wieder…

Da bei meiner Ankunft in Kolkata die Einführung in meine vorgesehene Arbeit als „school health care nurse“ nicht stattgefunden hat respektive ich irgendwie vergessen wurde, habe ich mir nach dem ersten „Frust“ und mehreren Tassen Tee auf eigene Faust eine Aufgabe gesucht. Gelandet bin ich in der Nimtala-Klinik. Ich helfe nun an zwei Tagen pro Woche, die verschieden Wunden der Kranken zu behandeln (und schaue, dass ich mich gut selbst schütze). Es gibt Watte, Desinfektionsmittel und Salbe, sterile Gazen, Wundverbände, Klemmen und Scheren, Masken und Einweghandschuhe. Grosse Wunden werden ohne Anästhesie von abgestorbenem Gewebe befreit und ich staune, denn das Sauberste an den Patienten sind die Wunden. Immer wieder denke ich an „Les Misérables“ von Victor Hugo…

Ich frage mich immer wieder, wie es möglich ist, dass Verbrennungswunden, Geschwüre, mit Maden befallene Gliedmassen und und und unter den unglaublich unhygienischen Lebensumständen der Menschen überhaupt heilen können. Auch werden die Behandlungen „öffentlich“ durchgeführt. Jeder weiss, woran der andere leidet, und besonders Starrkrampfimpfungen werden mit viel Mitgefühl und guten Ratschlägen für den Betroffenen (Angst vor Spritzen) mitgetragen.

Und doch, es ist eine wohlwollende Stimmung hier, ausgehend vom Team. Die Patientinnen und Patienten werden ernst genommen; die eine oder andere Schelte („don`t drink to much, baba“) inklusive. Oder wenn`s dann gar arg ist, werden die Kranken zuerst zum nahe gelegenen Hoogli (Nebenfluss des Ganges und mindestens ebenso schmutzig) zum Füsse-Waschen geschickt.

Im Slum bei der Nimtala-Klinik hat es eine öffentliche Toilette, aber kein fliessendes Wasser. Die Toilette wäre auch für mich gedacht; ich schaue aber, dass ich kaum etwas trinke und schon gar nichts esse, bis ich dann so gegen 16 Uhr zuhause bin. Die Armut ist unvorstellbar! Die Kluft zwischen Arm und Reich ist gross. Es gibt aber noch eine andere Dimension: ganz arm. Und die ist schwierig auszuhalten.

An drei Tagen pro Woche arbeite ich nun doch in der Schule als „health care nurse“. Die Aufgabe ist vielfältig und insofern schwierig, weil ich nicht immer eine Person zum Übersetzen an meiner Seite habe. Ich hatte heute ein Gespräch mit den Verantwortlichen. Ich bin gespannt wie es weitergehen wird. Es herrschen knappe Platzverhältnisse im Schulgebäude, weswegen immer wieder Lebensmittel aus der Küche bei mir im Behandlungszimmer zwischengelagert werden. Die Einträge ins Computersystem neben den Eiern zu tätigen ist eine Herausforderung. Bei so vielen Nahrungsmitteln hat es auch Ratten und ich finde diese Tiere nach wie vor nicht „härzig“.

Ein weiteres Thema ist der Arbeitsweg. Ich reise jeden Tag von Tür zu Tür mindestens eine Stunde. Unterwegs bin ich zu Fuss, mit der vollgestopften Metro und auf halsbrecherischen Rikscha-Fahrten.

…und es gibt allerhand zu sehen…

Herzliche Grüsse aus Kolkata – “expect the unexpected“