Erfahrungsbericht

Die Physiotherapeutin Alessandro Ciullo berichtet von ihrem Alltag bei Calcutta Rescue.

alexandra_in_action_fussballAlessandra Ciullo aus der Schweiz arbeitete im Herbst 2015 während zwei Monaten als freiwillige Physiotherapeutin und Fussballtrainerin bei Calcutta Rescue. Nach ihrem Einsatz brach sie zu einer Reise in Südostasien auf. Doch bald änderte sie ihre Pläne und kehrte nach Kolkata zurück. Hier ihr Bericht:

„‘Man sieht sich immer ein zweites Mal im Leben‘. Diesen Satz sage ich oft zu meinen Freunden, wenn sich die Wege gezwungenermassen trennen. Und diesen Satz äusserte ich auch, als ich mich am 1. Dezember 2015 schweren Herzens vom  Physiotherapeuten und den anderen Mitarbeitenden von Calcutta Rescue verabschiedete. Dass nur einige Wochen vergehen würden, bis ich wieder nach Kolkata zurückkehrte, um noch einmal als Freiwillige bei Calcutta Rescue zu arbeiten, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Der Abschied fiel mir sehr schwer. Während der Reise quer durch Südostasien merkte ich, dass ich Kolkata und die Arbeitskollegen, Patientinnen und Schulkinder von Calcutta Rescue vermisste. Bald darauf beschloss ich, meine Reisepläne zu ändern. Anstatt nach Kambodscha weiterzureisen, wollte ich meine Tätigkeit als Physiotherapeutin und Sportlehrerin bei Calcutta Rescue wieder aufnehmen. So buchte ich ein Ticket von Saigon (Vietnam) nach Kolkata und ein paar Tage später war ich wieder in meiner geliebten indischen Stadt.

Obwohl nur einige Wochen seit meiner Abreise vergangen waren, konnte ich einige Veränderungen in der Millionenstadt erkennen. Mittlerweile war der Winter eingetroffen. Die Luft war frischer, die Temperatur deutlich kühler, die Sonne kaum zu sehen und es war meist grau und bewölkt. Die Menschen waren in Schals eingewickelt und die Frauen trugen warme Strickjacken über ihren schönen, farbigen Saris. Alles schien trostloser zu sein. Aber nicht nur die Stimmung in Kolkata war anders, sondern auch bei Calcutta Rescue gab es Neuigkeiten. Da gerade das neue Schuljahr begonnen hatte, waren neue Kinder in den Schulen zu sehen, andere waren weg. Auch neue Freiwillige aus den USA, Grossbritannien, Australien und der Schweiz waren mittlerweile im Einsatz. Ich freute mich zu erfahren, dass Calcutta Rescue in der Chitpur-Klinik ein neues Physiotherapieprogramm für die Leprakranken gestartet hatte. Es war für mich deshalb so erfreulich und wichtig, weil ich das Konzept gemeinsam mit Supryia Sana, meinem Physiotherapiekollegen von Calcutta Rescue, in der letzten Woche meines ersten Aufenthaltes entwickelt und der Chefärztin Frau Dr. Gosh vorgestellt hatte. Das Lepra-Physiotherapieprogramm wird nun wöchentlich durchgeführt und soll präventiv weitere Schäden wie Kontrakturen oder Sensibilitäts- und Kraftverlust verhindern und die Funktion der Hände und Füsse wiederherstellen bzw. beibehalten.

Die Patientinnen und Patienten, Schulkinder (vor allem meine Fussballklassen) und Mitarbeitenden von Calcutta Rescue freuten sich über meine Rückkehr nach Kolkata, und ich war gleichermassen glücklich, die strahlenden Gesichter wiederzusehen. Leider ging auch mein zweiter Einsatz viel zu schnell vorbei. Aber ich bin überzeugt, dass ich nicht zum letzten Mal in Kolkata war.“