Die Talapark-Klinik

Die Talapark-Klinik von Calcutta Rescue ist gross – so gross, dass sie ein wenig einem Flugzeughangar ähnelt. 18‘000 Patientinnen und Patienten sind hier in den Registern erfasst, 90 Kranke werden täglich behandelt. Zum 30-köpfigen Team gehören unter anderem vier Ärztinnen und Ärzte, ein Physiotherapeut, auf Wunderversorgung spezialisierte Pflegefachpersonen oder die Frauen, welche den Bedürftigen Decken und eiweissreiche Zusatznahrung aushändigen.

Wenn man das Gebäude betritt, das von aussen solid und kompakt erscheint, erkennt man die eigentliche Konstruktion. Sie besteht aus metallenen Trägern und Querbalken, an welchen ein Wellblechdach verschraubt ist. Die Backsteinmauer reicht nicht bis unter das Dach und ist teilweise von Lichtschlitzen durchbrochen. Im riesigen und eher hässlichen Innenraum fühlt man sich zuerst etwas verloren; es passieren viele Dinge gleichzeitig, scheinbar ungeordnet, um einen herum. Aber wenn der Klinikleiter die Abläufe erklärt, fügt sich alles sinnvoll zusammen.

Im offenen Gebäudebereich befindet sich unter andrem der Wartebereich, wo Frauen in Saris, Kinder und alte Männer auf Bänken sitzen. An zwei Gebäudeseiten gibt es der Mauer entlang kleinere abgetrennte Räume, in welchen Untersuchungen, Wundversorgung, Physiotherapie, Sprachtherapie und Gesundheitserziehung stattfinden. Auch das gut besuchte Mutter-Kind-Gesundheitsprogramm ist in einem der Räume untergebracht. In der Talapark-Klinik ist ferner das Behindertenprogramm angesiedelt, in welchem 140 behinderte Kinder und Jugendliche betreut werden. Und ach ja, an einem Ende des Gebäudes ist ein Teil der Talapark-Schule untergebracht; der andere Teil mit dem Computerraum befindet sich in einem Gebäude zwei Strassen weiter.

In der Klinik, welche sechs Tage in der Woche geöffnet ist, werden zwei Gruppen von Kranken betreut: einerseits Patientinnen und Patienten mit einem akuten Problem, zum Beispiel mit Fieber oder einer Wunde, welche sofort an Ort und Stelle behandelt werden, andererseits Menschen mit einer chronischen Erkrankung wie HIV-Infektion, Nierenerkrankungen, Herz-Kreislauf- Erkrankungen oder Diabetes, die einer teilweise kostspieligen Langzeitbehandlung bedürfen. Letztere werden von den Ärztinnen und Ärzten nicht nur klinisch untersucht, sondern es werden auch ihre Lebensumstände und die sozioökonomische Situation erfasst. Wenn sich herausstellt, dass jemand die Behandlung nicht finanzieren kann, wird der Fall an den medizinischen Ausschuss (Medical Audit Committee, MAC) von Calcutta Rescue überwiesen. Der Ausschuss, welchem neben Ärztinnen und Ärzten auch Personen aus dem Management angehören, trifft dann den oft schwierigen Entscheid, ob Calcutta Rescue die Finanzierung der Behandlung übernehmen kann oder nicht. Bei einem positiven Entscheid machen Mitarbeitende von Calcutta Rescue einen unangemeldeten Besuch am Wohnort der Patientin oder des Patienten, bevor die Behandlung definitiv gestartet wird. Man möchte sich so vor Ort versichern, dass die Lebensumstände wirklich so prekär sind, wie vorgebracht wurde.

In der Talapark-Klinik werden alle Patientendaten handschriftlich auf Karten festgehalten, welche in einem grossen Aktenschrank versorgt sind. Ein englischer Arzt, der die Klinik besuchte und in seinem Spital schon mehrfach den Verlust von elektronischen Daten erlebt hat, war etwas neidisch, als er sah, wie schnell das Personal die Patientenkarten jeweils herausgesucht und zur Hand hat.

Die Kranken erhalten jeweils eine Gesundheitserziehungs-Lektion, wenn sie in die Klink kommen; erst dann findet die ärztliche Konsultation statt. Wenn eine Krankheit diagnostiziert wird, für welche der Staat eine kostenlose Behandlung anbietet, zum Beispiel Tuberkulose, werden sie von Calcutta Rescue an die entsprechende Stelle überwiesen.

Der Klinikleiter, der schon 25 Jahre bei Calcutta Rescue arbeitet und nun selber an Diabetes leidet, antwortet gerne auf die Frage, warum die Talapark-Klinik von den Leuten so geschätzt wird: weil die Versorgung besser ist als in staatlichen Kliniken. Die Patientinnen und Patienten wissen, dass das Personal sie hier wirklich wertschätzt und sie nicht stundenlang für eine ärztliche Konsultation oder ein Medikament Schlange stehen müssen.

Es mag nicht einfach sein, in der Talapark-Klinik zu arbeiten, vor allem wenn die Temperatur auf 42°C ansteigt. Doch man kann sich kein engagierteres und teilnahmsvolleres Team an seiner Seite wünschen, wenn man krank ist.