Auf der Suche nach einem Schulgebäude

Wolfgang Köhler, pensionierter Lehrer und Mitglied der deutschen Unterstützungsgruppe von Calcutta Rescue, verbrachte Anfang Jahr mehrere Wochen in Kolkata. Hier sein Bericht über seinen Aufenthalt:

Zurück aus Kolkata…

…nach sieben Wochen in dieser riesigen, oft chaotischen, lauten, ungemein farbigen und stets gastfreundlichen Stadt, mit vielen Besuchen und Gesprächen in den beiden Schulen von Calcutta Rescue und den anderen Projekten. Mit Karar, Soumitra und Shomir vom Governing Council, der Schulbeauftragten Monami und dem neuen CEO, Jaydeep, war ich im Calcutta-Rescue-Jeep wochenlang unterwegs auf der Suche nach einem neuen Schulgebäude. Sie kommen Kindern aller Altersgruppen aus den Slums im Norden von Kolkata zugute. Und zum dritten Mal versuchte ich als ehemaliger Lehrer und Schulleiter, die Schulen von Calcutta Rescue vor Ort zu unterstützen.

Auf unseren ausgedehnten Fahrten durch die Stadt ist das alltägliche Chaos immer gegenwärtig: Jeder, der mal eine der zahllosen Hauptstrassen zu überqueren versucht hat, wird über die Hektik, das Dauerhupen und die Rücksichtslosigkeit vieler Fahrer leise – oder auch laut – geflucht haben. Fast unglaublich ist das ständige Gewühl von Taxis, überladenen Bussen, ratternden Uralt-Strassenbahnen, Motor-Rikschas, Fahrrädern und manchmal auch von Hand gezogenen Rikschas, dazwischen eilig hastenden Menschen, die das gegenüberliegende Trottoir zu erreichen versuchen – aber es funktioniert.

Die meisten der oft grosszügigen, noch aus der Kolonialzeit stammenden Gebäude sind dem allmählichen Verfall anheim gegeben – wobei die Stadtverwaltung viele unter Denkmalschutz gestellt hat. Der alljährliche Monsun mit seiner hohen Luftfeuchtigkeit sowie bis auf 45 Grad Celsius steigende Temperaturen nagen an ihrer Substanz. Fehlende Finanzmittel für dringend notwenige Restaurierungen tun ihr Übriges.

Wie viele andere Besucher von Kolkata komme ich – nach meiner ersten Begegnung mit „Calcutta“ in den 1970er Jahren – stets gern wieder zurück. Das farbenfrohe, kulturell höchst lebendige, politisch-gesellschaftlich aktive Leben sowie die Liebenswürdigkeit und Kommunikationslust seiner Bewohner – von denen viel zu viele in äusserst prekären Verhältnissen zu leben haben – faszinieren mich stets aufs Neue.

Die für Calcutta Rescue arbeitenden Ärzte, Pharmazeutinnen, Therapeuten, Lehrpersonen, Fachleute wie jene im „Handicraft Project“, dazu die Verwaltungs- und Hilfskräfte sowie die vielen Freiwilligen aus Übersee leisten oft Bewundernswertes und tun das Beste für die zahllosen ihnen anvertrauten Slum-Bewohner und Strassenkinder. Im Januar nahm ein Team von Calcutta Rescue mit einem zweiten Strassenmedizin-Bus seine Arbeit an verschiedenen Orten der Stadt auf, immer in Slums, und wurde dort sofort von vielen medizinisch Hilfsbedürftigen belagert. Gestiftet hat die Ambulanz die State Bank of India – ein Zeichen dafür, dass auch die vermögenden Eliten so allmählich ihre Verantwortung für die Hunderte von Millionen Armen in Indien erkennen.

Die School No. 10 nahe Girish Park und auch die Talapark School in Belgachia sind mit fast 700 Schülerinnen und Schülern restlos überfüllt und können gerade noch professionell arbeiten. Also suchen wir seit mittlerweile zwei Jahren nach einem Ersatz, zumindest für die School No. 10. Es ist nicht leicht, bei der gegenwärtigen Immobilienblase in Kolkata ein geeignetes – und für Calcutta Rescue finanzierbares – Gebäude zu finden. Vielleicht haben wir Glück: Mit der Unterstützung von Sister Cyril und anderen Mitgliedern des Governing Council könnte ein Grundstück im Norden der Stadt, das der Regierung von Westbengalen gehört, unserer Organisation zur Verfügung gestellt werden – und das für 99 Jahre kostenlos. Dort wäre ein Schulgebäude kostengünstig zu errichten, das allen zeitgemässen pädagogischen Anforderungen zugunsten unserer Schülerinnen und Schüler und den Vorschulkindern gerecht werden könnte. Hugh Nettelfield, ein pensionierter Architekt von der britischen Unterstützungsgruppe, und ich haben das Gelände mehrfach besucht und erste Grundrisse für Unterrichtsräume, Küche und Mensa, Erste-Hilfe-Zimmer, Waschräume, Bibliothek, Lehrerzimmer und Sekretariat skizziert. Es gäbe sogar Platz für einen kleinen Schulhof! Ja, die Unterrichtenden mit den ihnen anvertrauten Slum- und Strassenkindern hätten hier erheblich bessere Arbeits- und Lernbedingungen als in den aktuellen Räumlichkeiten.

Mit viel Glück wird Calcutta Rescue hoffentlich im Laufe dieses Jahres die zahlreichen notwendigen Dokumente von den verschiedenen Behörden für die Nutzung dieses Grundstücks erhalten.

Drücken wir alle dafür die Daumen!